Midway between 2000 und 2010 – Die 7 Regeln der Freiheit

Wenn mich nicht gerade das schlechte Gewissen plagte, fühlte ich mich frei. Ich war über 40, doch jetzt erst, nach der Trennung, hatte ich das erste Mal das Gefühl unabhängig zu sein. Unabhängig in einer eigenen Wohnung, unabhängig in Gelddingen und unabhängig in einer neuen Beziehung.

Eine eigene Wohnung hatte ich vorher noch nie gehabt. Seltsam im nachhinein. Vom Kinder- und Jugendzimmer bei den Eltern ging es in eine Behausung bei der Bundeswehr, dann in ein Leben zur Untermiete, anschließend in eine WG und nach dem Studium in die erste gemeinsame Wohnung mit Kirsten.

Jetzt zum ersten Mal war ich Herr meiner selbst. War ungestört. Ich konnte das schmutzige Geschirr tagelang in der Spüle stehen lassen, konnte aufräumen oder es sein lassen, die Vorhänge zuziehen, die Heizung aufdrehen und den ganzen Abend nackt durch die Wohnung laufen. Keiner registrierte, ob ich kam oder ging, keinen scherte es, wie lange ich Fernsehen schaute oder wie lange ich das Bad besetzte. Ich tat alles und ich tat es sehr bewusst. Ein eigenes Zimmer! Ein eigenes Reich! Glück!

Wäre die Beziehung zu Kirsten anders gelaufen, wenn wir nach den ersten 5 Jahren auch weiterhin jeder ein eigenes Zimmer gehabt hätten? Ich vermute schon. Vielleicht wäre mehr Eigenständigkeit möglich gewesen und vielleicht hätte Kirsten sogar bemerkt, dass ihre Bedürfnisse nicht automatisch auch meine sind? In der allerersten Wohnung hatten wir sogar noch getrennte Zimmer, die zweite war dazu dann zu klein. Ab der dritten wäre es wieder gegangen, doch wir hatten es uns endgültig klassisch eingerichtet: Gemeinsames Schlafzimmer, gemeinsames Wohnzimmer! Und da Kirsten fast immer zu Hause war, ich eher selten, bestimmte Sie den Grad der Sauberkeit und die Ansprüche an die Einrichtung. Und so hatte ich mich irgendwann nicht mehr heimisch gefühlt.

Den Fehler, alles Eigenständige aufzugeben, wollte ich jedenfalls nicht noch einmal machen und bis heute mache ich ihn auch nicht. Sabine und ich haben immer noch jeder ein eigenes Zimmer, wenn auch inzwischen schon lange in einer gemeinsamen Wohnung. Doch das eigene Zimmer ist uns beiden wichtig und wertvoll. Nie würden wir es aufgeben.

Auch das erste Mal in meinem Leben war ich unabhängig in Gelddingen. Denn bis zum Ende des Studiums hatte ich das Geld meiner Eltern benötigt und unmittelbar nach Ende des Studiums heirateten Kirsten und ich. Ab da gehörte uns alles gemeinschaftlich. Geld wurde zum schwierigen Dauerthema für mich, da Kirsten laufend entschied, irgendwelche Pflanzen für den Garten zu kaufen oder einen Urlaub zu buchen, obwohl unser Konto schon weit im Überziehungskredit war.

Wir waren zwar immer noch verheiratet, aber ich organisierte das Geld jetzt anders. Und zwar ohne Kirsten zu fragen. Zuerst schaffte ich mir ein eigenes Girokonto an und ließ mein Gehalt dorthin überweisen. Um wenigstens eine kleine Barreserve zu haben, kündigte ich einen Fondsparplan und überwies das Geld auf ein eigenes neues Festgeldkonto. Dann setzte ich um, was ich Kirsten als Geldverteilung verkündet hatte: Das Familieneinkommen, also mein Nettogehalt plus Kindergeld, wurde durch 6 geteilt. Kirsten und die vier Kinder bekamen fünf sechstel, ich ein sechstel.

Obwohl mir seit damals jeder, von A wie Anwalt bis Z wie Zufallsbekanntschaft, erzählt hat, dass gemäß Düsseldorfer Tabelle und gemäß diesem und jenem ich doch gar nicht so viel hätte zahlen müssen, stehe ich immer noch zu dieser Berechnung. Denn auch Kirsten hatte wohl schnell in Erfahrung gebracht, dass ich ihr sehr viel gab. Und so hatten wir nie Diskussion über zu geringe Zahlungen und die Kinder litten nie unter Geldstreitigkeiten der Eltern.

Jeden Monat überwies ich also von meinem Nettoeinkommen alles bis auf ein paar hundert Euro an Kirsten. Gut, die Rechnung war nicht ganz vollständig, weil ich hatte ja noch den Firmenwagen, mit dem ich so viel privat fahren konnte, wie ich wollte. Anders wäre es aber auch gar nicht gegangen, denn mitten in Frankfurt in der Nähe der Arbeit hätte ich keine erschwingliche Wohnung gefunden und ein eigenes Auto ist einfach nicht drin wenn man plötzlich weniger Geld hat als ein Student mit Bafög-Höchstsatz.

Es war nicht leicht, von den paar Kröten zu leben. Aber ich genoss es. Ich lebte wie zu Studentenzeiten, schrieb jede Ausgabe auf, kaufte für 10 Euro meine erste Kaffeemaschine und für 20 Euro meinen ersten Staubsauger, ging möglichst günstig in der Firmenkantine essen, verglich in den Supermärkten die Preise und kaufte was die meisten Kalorien pro Euro bot. Auf Bio- und sonstige teuren Waren verzichtete ich und wenn ich mal nach Frankfurt fuhr, suchte ich mit viel Engagement die letzten Straßen in Innenstadtnähe, in denen man kostenlos parken konnte.

Als nach dem ersten Monat klar wurde, dass ich richtig kalkuliert hatte und bei bescheidener Lebensweise mit meinem Geld wirklich auskam, fühlte ich mich so erleichtert wie schon lange nicht mehr. Keine Angst mehr. Keine Geldsorgen. Glück!

Kirsten dagegen hatte einige Schwierigkeiten mit ihren paar Tausend Euro pro Monat für 5 Personen klar zu kommen. Sie klagte noch einige Male, dass die Schuld für die höheren Gesamtkosten ja bei mir lägen und es gab auf unserem Familienkonto weiterhin Miese. Doch ich war nicht mehr gewillt, hierauf irgendwie mit mehr Geld zu reagieren, selbst wenn ich es gekonnt hätte. Im Gegenteil. Ein halbes Jahr nach der Trennung teilte ich ihr meine Erwartungshaltung mit, dass das gemeinsame Konto ständig im Plus ist und drohte ihr, anderenfalls das Konto aufzulösen, was dann den gemeinsamen Hauskredit gefährdet hätte. Und siehe da, ab da schaffte sie es plötzlich, mit dem Geld auszukommen. Allmählich dämmerte mir, dass Kirstens Umgang mit Geld eher dadurch geprägt wurde, dass sie immer alles ausgab, was an Geld greifbar war. Daher hatte sie ebensowenig Schwierigkeiten gehabt als Krankenschwesterschülerin mit sehr wenig Geld auszukommen, wie als Ehefrau alles Geld auszugeben, bis der Dispokredit quietschte. Ihr immer wiederkehrender Spruch „Wenn wir weniger hätten, würde es auch gehen.“ war wahrscheinlich sogar wahr gewesen.

So nistete sich ein ganz neuer Gedanke bei mir ein. Wie hätte es sich entwickelt, wenn ich mein Gehalt immer schon auf ein eigenes Konto hätte laufen lassen und ihr – wie vor 100 Jahren üblich – jeden Monat ein abgezähltes Haushaltsgeld gegeben hätte? Wäre es besser gelaufen, wenn ich dies und einiges mehr einfach selber bestimmt hätte und Kirsten sich danach hätte richten müssen? „Ich will Geld zur Seite legen! Du bekommst folgendes Haushaltgeld. Sieh zu, wie Du damit klar kommst. Das ist deutlich mehr als der Durchschnittsverdienst ähnlicher Familen und es reicht für entweder Biolebensmittel oder Wohnungsdeko. Entscheide dich!“ Oder „Nein, kein Urlaub. Das Geld reicht nicht. Wenn Du einen höheren Lebensstandard willst, kannst Du nicht mehr ausschließlich Hausfrau und Mutter sein.“ Oder „Ich kaufe mir jetzt einen großen Fernseher für mein eigenes Zimmer. Nein, das ist keine gemeinsame Entscheidung. Das ist meine!“

So vorsintflutlich mir diese Gedanken vorkommen, vielleicht hätte Kirsten so meine Bedürfnisse weniger leugnen können oder ich hätte zumindest nicht so ohnmächtig darunter gelitten.

Am wichtigsten war mir aber die Unabhängigkeit in meiner Beziehung zu Sabine. Ich fühlte mich frei mit ihr. Wir sahen uns mehrmals pro Woche, aber nur wenn wir beide wollten.

Was wir eigentlich für eine  Beziehung hatten, wusste ich immer noch nicht so recht. Manchmal wollte ich sie häufiger sehen, als sie Zeit hatte. Als ich im Spätwinter eine echte, sehr heftige Grippe bekam, kam sie zwar täglich vorbei, ließ mich dann aber mit 40° Fieber auch wieder alleine. Da fehlte mir schon der Mensch, der immer da ist. Aber bei anderen Gelegenheiten wurde es auch mir mal zu viel, sie mehrmals die Woche zu sehen, vor allem, wenn ich das Wochenende den Kindern widmete. Dann blieb mir zu wenig Zeit für mich. Das Gefühl, sie weniger sehen zu wollen, erschreckte mich. Liebte ich sie wirklich, wenn ich sie nicht immer sehen wollte? Konnte das Liebe sein? Ja, beschloss ich. Es konnte. Jetzt hatte ich eine neue Gelegenheit, die mit Kirsten geprobte aber irgendwie verunglückte Unabhängigkeit in der Beziehung aufrecht zu erhalten.

Sabine und ich redeten viel über die Gestaltung unseres Lebens. Zusammen bleiben wollten wir. Zusammen ziehen nicht. Wünschen wollten wir uns etwas vom anderen, erwarten wollten wir möglichst wenig. Wir wollten Dinge hinterfragen, die so tief in unserer Kultur verwurzelt sind, dass kaum ein Pärchen sie hinterfragt. Offen, ehrlich und frei heraus wollten wir miteinander sein. Egoistisch und zugewandt zugleich. Zusammen und unabhängig.

Als erstes beschlossen wir die Ehrlichkeitskampagne: Ehrlich sein und alles sagen, was wir fühlen oder machen. Von der ehrlichen Aussage, dass einem das T-Shirt des anderen nicht gefällt bis zur ehrlichen Aussage, mit einem anderen Menschen geschlafen zu haben.

Und als zweites schlossen wir auf dieser Basis im Mai den folgenden Vertrag.

Vertrag
zwischen Sabine Backhaus und Leander Weiß

1. aktive, offene Ehrlichkeit
Punkte, die für die Beziehung wichtig sind, müssen wir aktiv vortragen. Zur Übung gilt die Ehrlichkeitskampagne immer. Selbst kleine Notlügen oder etwas zu verschweigen sind nicht erlaubt.

2. Gefühle leben
Dem Partner zeigen, was wir gerade fühlen. Ob gut oder schlecht.

3. Verpflichtung zur positiven Bewertung
Wenn wir Aussagen oder Handlungen des Partners als schlimm empfinden, besteht die Verpflichtung nachzufragen, wie es gemeint war/ist. (In Zweifelsfällen ist jeder verpflichtet, die bestmögliche Interpretation zu suchen und nicht die schlechte anzunehmen.)

4. Dinge nicht tun, (nur) weil man glaubt, dass der andere es so will.

5. (Auch) Dinge tun, die einem wichtig sind, obwohl es dem anderen vielleicht nicht gefällt.

6. Bei Kritik nicht sofort ein schlechtes Gewissen bekommen.

7. Nach jedem Streit sollte man noch am selben Tag miteinander schlafen.

Dies sind sie. Die 7 Regeln unserer Freiheit. Die 7 Regeln unserer Stabilität. Unsere 7 Regeln für ein erfolgreiches Zusammenleben.

Wir leben danach. Damals bis heute. Erfolgreich und Glücklich!

7 Kommentare zu “Midway between 2000 und 2010 – Die 7 Regeln der Freiheit

  1. Hat dies auf I'm a dreamer rebloggt und kommentierte:
    Hi LGW – toll! Ich kann dem nur zustimmen, meine Biographie ist ähnlich; beides sind Kernprobleme der ’normalen‘ Familie, Geld + Autonomie – und beides hat mit Macht zu tun, die man(n) und frau über den Anderen erlangen und ausüben will; mit der Ehrlichkeit bin ich etwas skeptisch; möglicherweise ist eine totale Offenheit nicht so förderlich, ich bin gespannt. Ich kann nur noch ehrlich, aber kann nicht alles von mir geben, d.h. nimmer lügen, die Wahrheit aber dosieren… ob geht, weiß ich auch nicht… Und was ab 75 wird, weiß ich auch nicht… schau’n mer mal!

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    • Si war not amused, als ich frisch von der Anderen kommend mich wie üblich ohne zu duschen auszog und neben Si in mein Bett legte, den Duft der Anderen ungewaschen und ungefiltert auf ihr Kopfkissen plazierte – diese Offenheit ist nicht zielführend, denke ich – 25 Jahre später 😉

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  2. Tolle Regeln….so stell ich mir auch ne glückliche tolle Beziehung vor. Mich würd interessieren ob Kirsten auch nen neuen Partner hat oder hatte und ob du mit ihr eine gute Gesprächsbasis bezüglich der Kinder hast.

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  3. Eure Regeln sollte man sich echt merken. Sie fassen das wesentliche zusammen. Und das mit den getrennten Zimmer bzw. den „eigenen Reichen“ finde ich eine absolute Voraussetzung. Denn jeder Mensch hat auch das Recht, mal alleine zu schlafen!

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