Midway between 1975 und 1985 – Gabi – Auslaufmodell Traumfrau

Ein weiterer Monat war vergangen –  Ostern stand vor der Tür. Am Karfreitag teilte Gabi mir mit, dass sie keine Intimität mehr mit mir möchte.

Sie glaube, ich könne sonst die Hoffnung, eine richtige Beziehung mit ihr einzugehen, nicht ablegen. Schlaues Mädchen! Sie hatte nur 17 Monate gebraucht um zu verstehen, dass ich meine, was ich ihr sage. Dass Sex für mich in einer Beziehung einfach dazu gehört. Und dass dieser Sex dann wiederum Bindungswünsche erzeugt.

OK, also kein Sex mehr.

Leander 1 schwieg.

Leander 2 schaute zu ihm rüber und sie waren sich seltsam einig. Es tat nicht mehr besonders weh.

Diese Ostergeschichte markierte meine Auferstehung aus meiner persönlichen Hölle in ein neues Leben. Ich hatte Gabi endlich aufgegeben. Innerlich. Der innere Zwang war weg.

Ich fühlte mich seltsam frei. Begann plötzlich, meine Zukunft in die eigenen Hände zu nehmen. Die Entscheidung, die ich vorher über Monate hinweg nicht treffen konnte, fiel mir plötzlich leicht. Ich entschied mich für ein Studium weit weg, am hinterletzten Ende der damaligen Bundesrepublik. Ein interessantes exotisches Studium für alternative Geister mit ungewisser Zukunft. In einer kleinen Uni in einer kleinen Stadt, wenige Kilometer von der innerdeutschen Grenze entfernt. Ohne Auto nur mit einem Bummelzug zu erreichen. Zu weit weg, um mehr als zwei-, dreimal im Jahr nach Hause zu fahren.

Kurz gesagt: Ich beschloss auszuwandern.

Zwar nur fünfhundert Kilometer weit weg, aber komplett weg aus dieser schwierigen Welt.

Und obwohl noch 5 Monate Bundeswehr vor mir lagen, merkte ich bald, dass diese mich nicht mehr schreckten und das Leben in der Kaserne mich nicht mehr belastete. Über Dinge, die mich vorher in tiefen Frust gestürzt hatten, lächelte ich jetzt.

Die Beziehung zu Hanna, nie richtig begonnen, schlief ein. Von ihr blieb nichts übrig. Kein Foto, kein Gesicht, keine echten aktiven Erinnerungen. Als ich 20 Jahre später das erste Mal ein paar Gedanken zu den Frauen in meinem Leben zusammenstellte, war sie nicht dabei. Als ich vor einigen Monaten die Liste der Frauen aufstellte, über die ich schreiben wollte, war sie nicht drauf. Ich hatte sie komplett vergessen. Sie war hinter Gabi verblasst. Ohne die Erwähnungen im Tagebuch, hätte sie ihren Weg in diese Geschichten gar nicht gefunden.

Gabi und ich trafen uns natürlich weiter in der Clique. Aber wir hatten uns nicht mehr wirklich viel zu sagen. Es kam sogar vor, dass sie dachte, ich komme bei ihr vorbei und dann rief sie mich an und fragte, wo ich bleibe? Ich hatte nicht gesagt, dass ich vorbei komme ? Sie schien erstaunt, dass ich nicht mehr jeder Gelegenheit entgegen fieberte, sie zu sehen.

Zum Sommersemester hatte sie endlich ihren lang ersehnten Medizinstudienplatz bekommen. In Münster. Nur fühlte sie sich dort nicht wohl. Sie fand die anderen Erstsemester überkandidelt und ihr Zimmer schrecklich. Zu diesem Zeitpunkt meldete sie sich regelmäßig und schrieb sogar Briefe.

Leander 2 und Leander 1 waren sich einig: Sie hätte uns jetzt gerne gehabt. Zum Reden und zum Sorgen abladen.

War es Leander 1 oder Leander 2, der dem anderen die Frage stellte, wie lange das so bleiben würde? Beiden war klar: Das würde höchstens so lange dauern, bis sie in Münster neue Freunde gefunden hatte.

Dann kamen wieder ein paar Wochen in denen ich nichts mit ihr zu tun hatte. Bei gemeinsamen Unternehmungen mit der Clique lies sie mich links liegen. Einmal fuhr ich mit dem Auto zur Bundeswehr und wir hatten vereinbart, dass ich sie am Freitag in Münster abhole und sie nach Hause mitnehme. Als ich dann in Münster ankam, fand ich einen Zettel unter ihrer Tür. Sie war bereits mit dem Zug nach Hause gefahren.

Im Juni besuchte ich sie in Münster. Warum? Keine Ahnung. Ich kam am Nachmittag an und wollte am Abend mit dem Zug weiter nach Hause fahren. Oh ja, sie war sogar da. Wir bummelten durch die Stadt, ich lud sie abends zum Essen ein und danach saßen wir in ihrem Studentenwohnheim. Sie saß in ihrem Sessel und  strickte. Ich saß auf ihrem Bett und klimperte ein wenig auf ihrer Gitarre. Sie war verstimmt. Die Gitarre.

Die Zeit verging in einer seltsamen Art temporärer Normalität.

Ohne mein Zutun und ohne dass ich es zuerst bemerkte, wirkte in dieser Situation die für sie gültige Gleichung:
Schöner Tag + Gemütlicher Abend + Nette Gespräche = Libido!

Irgendwann setzte sie sich neben mich auf das Bett, nah neben mich und zeigte mir ein Buch. Ich legte meinen Arm um sie, und stützte meine Hand auf dem Bett ab. Dann, ohne mein Zutun, zog sie Bluse und BH aus. Eine halbe Stunde bevor ich zum Bahnhof musste, fiel die Entscheidung, dass ich über Nacht bleibe.

Beim Sex fiel Leander 2 auf, dass Leander 1 nicht dabei war. Er war verschwunden. Ich hatte ihn und seine verliebte dumme Naivität schon einige Zeit nicht mehr in meinem Kopf gehabt.

Ich traf Leander 1 nie wieder. Manchmal vermisse ich den jungen Kerl ohne Schutzmechanismen und den Idealvorstellungen von einer paradiesischen Beziehung. Aber den Schmerz, den ihm das einbrachte, den vermisse ich nicht.

In mein Tagebuch schrieb ich, dass Gabi an diesem Abend beim Sex ungewohnt leidenschaftlich und aktiv war. Und dass ich mich stark zurück hielt in meinen Wünschen, Vorstellungen und in meiner Erregung. Verwundert notierte ich, dass sie recht schnell zum Orgasmus kam. Eigentlich hatte ich mir keine Mühe gegeben im Bett. Hatte wenig gemacht und erst recht nichts, wozu ich Lust gehabt hätte. War das die Art, wie sie sich den idealen Typ vorstellte?

Als ich dies 30 Jahre später in meinem Tagebuch las, fragte ich mich eher, ob eigentlich irgendeiner ihrer Orgasmen und irgendeine ihrer Erregungen echt gewesen war, oder ob sie einfach nur manchmal beschloss, etwas für mich zu tun?

Was für eine Beziehung Gabi damals dauerhaft hätte führen können, weiß ich bis heute nicht. Ich weiß nicht, was sie einerseits zu mir hingezogen und sie mehrmals dazu bewogen hat, mit mir zusammen sein zu wollen. Und ich weiß nicht,  warum sie andererseits so wenig von mir wollte, so wenig geben konnte, so viel schlecht an mir fand und es doch so lange nicht lassen konnte.

Den unehrenhaften Titel als „Größte Schlimme Liebe“ wird sie jedenfalls für immer behalten.

2 Kommentare zu “Midway between 1975 und 1985 – Gabi – Auslaufmodell Traumfrau

  1. Ich mag die Art, wie du schreibst und lese deine Geschichten sehr gerne. Ich mag Leander eins und zwei. Den Träumer und den eher nüchternen. Leander eins ist sicher noch da… irgendwo, dezent im Hintergrund. Viele Grüße, Polly

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