Midway between 1975 und 1985 – Elke – Die erste Verliebtheit

Nachdem ich also zwei Jahre lang zu schüchtern und zu blöd war, eine neue Freundin zu finden und es auch nicht half, alle Schuld dem weiblichen Geschlecht zu geben, brachte das 16te Lebensjahr endlich den langersehnten Durchbruch!

Und das auf eine Art, die ich nun gar nicht erwartet hätte. 

Ich war in der Zwischenzeit im Tanzkurs gewesen. Nichts! Seit einem Jahr hatte ich angefangen, in einen Sportverein zu gehen, in dem es durchaus recht viele Mädchen gab. Nichts! Einer meiner Freunde hatte dort zu der Zeit etwa alle zwei Monate eine neue Freundin und die nächsten standen jedesmal schon Schlange. Für mich zeigte keines der Mädchen im Verein auch nur den Hauch eines Interesses. Einmal waren wir sogar in einem Trainingslager gewesen und dort gemeinsam mit den Jugendtrainern in eine Disco gefahren. Ich war viel zu verklemmt, mich auf die Musik zu bewegen. Irgendwann tanzte ich mit einem Mädchen, das genauso abseits stand wie ich. Es war eine Katastrophe!

Doch dann zogen in unserer Schule Mädchen ein!

Die Idee, in einem reinen Jungen-Gymnasium die Oberstufe für Mädchen zu öffnen, war ja schon erstaunlich. Vollkommen rätselhaft war jedoch, dass es Mädchen gab, die sich trauten, zu uns zu wechseln. Nein, es waren keine Vamps, auch kein Masochistinnen-Nachwuchs, sondern 10 normale weibliche Teenager, die unbedingt in eine Leistungskurs-Kombination wollten, die es nur bei uns gab.

Mann, war das mutig! Von uns 100 Jungs in der Stufe hätte sich das umgekehrt keiner getraut. Natürlich hatte diese Spätzünder-Koedukation für beide Seiten Vorteile. Selten dürften Mädchen in dem Alter in einer Schule gewesen sein, in der ausschließlich nette, zuvorkommende Mitschüler waren. Und für uns rückte die normale Welt ein wenig näher.

Leider ist ein Mädchen:Jungen Verhältnis von 1:10 nicht gerade die beste Vorraussetzung, um auf diesem Wege zu einer Freundin zu kommen. Vor allem, wenn 80% der Jungen nach meiner eigenen Meinung deutlich cooler, attraktiver, sportlicher und lockerer waren als ich.

Natürlich stieß diese weibliche Minderheit erst einmal auf umfangreiches Interesse. Nun war ich leider immer noch zu schüchtern, um einfach ein Mächen anzusprechen. Auch in einer Schlange hinten anzustehen, gehörte nicht zu meine Leidenschaften. Und damals hatte ich auch noch nicht gelernt, mit weiblicher Ablehnung umzugehen (hab ich das heute?) . Also traute ich mich erst einmal gar nicht an die Mädchen heran.

Hätte mir damals jemals prophezeit, am Ende der Oberstufe mit zwei dieser 10 Mädchen eine Beziehung gehabt zu haben, hätte ich mich wahrscheinlich tierisch verspottet gefühlt. Und trotzdem: Irgendwas hatte ich wohl doch.

Neben den normalen Kursen war ich auch in einer freiwilligen Arbeitsgemeinschaft. Hier trafen sich jedes Jahr vielleicht 8 bis 12 Schüler aus den Klassen 10 bis 13 unter der Anleitung eines der wenigen engagierten Lehrer. Und auch in dieser Institution mit 20jähriger Tradition saß im neuen Schuljahr plötzlich und unerwartet, ein Alien. Sorry, ein Mädchen. Elke. Sehr …. ungewohnt!

Ziel der AG war es, jedes Jahr eine Exkursion in eine deutsche Gegend vorzubereiten und durchzuführen. Hierzu gehöhrten umfangreiche Referate, die die Schüler im ersten Halbjahr selbstständig erarbeiteten und im zweiten Halbjahr dann halten mussten.

Da das Internet noch nicht erfunden war, stellte die Sammlung von Informationen eine echte Herausforderung dar und je nach Thema gab es nur eine erreichbare Informationsstelle: Die städtische Bibliothek.

Also nutze ich an zwei Tagen pro Woche eine längere Kurslücke und stöberte in staubigen Büchern und alten Zeitschriften zwischen hohen langen Regalen. Ich füllte Fernleihzettel aus und bekam nach mehreren Wochen aus irgendeiner anderen Bibliothek weitere Bücher, die ich aber nicht mit nach Hause nehmen durfte. Kopieren war verboten, abfotographieren auch, also schrieb ich oft seitenweise Texte ab.

Elke hatte an einem der Tage dieselbe Kurslücke und die gleiche Idee. Also trafen wir dort im Gang mit regionalen Sachbüchern plötzlich aufeinander. Wir waren überrascht, lächelten schüchtern, schauten wieder weg, stöberten in denselben Regalen, waren uns des anderen bewußt und hatten endlich einen Ansatzpunkt, um das ein oder andere Wort über den Abgrund zu schicken. Leise nur, einzelne Sätze nur, langsam, vorsichtig, über mehrere Wochen hinweg. Aber jetzt kannten wir uns. Wir hatten etwas gemeinsam. Außerhalb des grausamen Gruppendrucks.

Und ich fand sie interessant.

Dann kam sie plötzlich auch an meinem zweiten wöchentlichen Recherchetag, obwohl sie dort nachmittags gar keine Kurse mehr hatte. Ich wertete das als gutes Zeichen!

Sie gefiel mir. Sie war groß und schlank. Hatte lange sehr dunkle glatte Haare und war eher still und zurückhaltend. Sie machte mir keine Angst. Ich wohl auch ihr keine.

Allmählich fing es an, zwischen den Regalen zu prickeln. Die Buchreihen wurden zum Sichtschutz. Wir schauten uns öfter an als notwendig. Wir lehnten bald mehr als die Hälfte der Zeit nur noch im engen Gang einander gegenüber an den Regalen und redeten im Flüsterton.

Irgendwann packte mich der Mut und ich schaute sie länger an. Ihr Blick blieb. Ich lies mein sicheres Regal los und stellte mich vor sie. Sie blieb stehen. Ich verringerte den genau austarierten Normalabstand um mutige 10 cm und sie wich nicht zurück. Noch ein paar Zoll und auch sie richtete sich auf und stand direkt vor mir. Dann näherte ich mein Gesicht dem ihren. Ein Abwehrzeichen blieb aus. Dann küsste ich sie und sie lies es zu. Erschreckt vor der eigenen Verwegenheit und erfüllt von Sorge, dass dieser Grenzübertritt vielleicht ein unerwünschter war, schaute ich sie wieder an und versuchte ein neues Lächeln. Auch das wurde erwidert. Und wir küssten uns noch einmal.

Ich tauschte ein „ich mag dich“ gegen ein „ich dich auch“ und als ich mit dem Fahrrad nach Hause fuhr, fühlte ich etwas, was ich noch nie gefühlt hatte. Trotzdem war mir sofort klar, was es war. Das, was mit 12, 13 und 14 Jahren kein noch so leidenschaftlicher sexueller Kontakt mit Christina geschafft hatte, hatte in der staubigen biederen und steifen Stadtbibliothek ein Kuss geschafft. Ich war verliebt.

4 Kommentare zu “Midway between 1975 und 1985 – Elke – Die erste Verliebtheit

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